Donnerstag, 24. Januar 2013

Herr und Frau Rechtschreibnazi

Oh wow, mit so viel Resonanz bezüglich des Unterrichts hatte ich gar nicht gerechnet. Danke dafür! Hier ein kleiner Nachtrag zu gestern, um auf eure Kommentare zu antworten. 

Ja, mag sein, dass ich ein bisschen perfektionistisch bin, dass mir mein Deutschsein da im Weg steht. Aber ich weiß eben gern wovon ich rede. Ich mag Menschen nicht, die sich ne Meinung bilden über Dinge, von denen sie keine Ahnung haben. Bevor ich über etwas diskutiere, lese ich erst mal nach worum es eigentlich geht. Ich bin eigentlich ziemlich interessiert an Sprache, Zusammenhängen und Ausdrücken. Herr Linguist und ich haben öfter Diskussionen über dieses oder jenes sprachliche Problem und ich mag es den Dingen auf den Grund zu gehen. Kann schon sein, dass mir deswegen die Worte nicht so leicht über die Lippen gehen wie den anderen, die sich einfach ein bisschen weniger darum kümmern, ob das Gesagte nun wirklich 100% korrekt ist oder nicht. Bis jetzt fühle ich mich noch nicht genügend ausgestattet mit "sprachlichem Handwerkszeug", mit Bausteinen, die ich zu Sätzen zusammenbasteln kann. Ja, da muss ich drüber hinweg kommen, das weiß ich auch. 

In Deutschland wird Englisch meist von Deutschen gelehrt, weil Muttersprachler rar sind. Das sollte hier ja nicht das Problem sein. Ich finde die Vorstellung seltsam nach Amerika zu gehen und den Leuten dort Englisch beizubringen; warum sollte ich das tun?? Über die fachliche Ausbildung der Einwandererlehrer hier kann ich nur spekulieren. Ich fände es ja auch gar nicht so schlimm mit deren Akzent, wenn wir eben sowohl Muttersprachler als auch Einwanderer hätten. Haben wir aber nicht. Wir hören nur diese, eben manchmal nicht korrekte Aussprache. Ich weiß, dass ich auf ewig einen deutschen Akzent haben werde und das ist auch okay für mich. Ich komme aus Deutschland, das lässt sich ja nicht ausradieren. Ich finde den schwedischen Akzent meines Freundes so toll, wenn er deutsch spricht, ich würde gar nicht wollen, dass er den verliert. :) Ich weiß, dass mein Schwedisch niemals 100% so klingen wird wie "richtiges" Schwedisch. Aber um auch nur halbwegs an die richtige Aussprache heranzukommen, muss man es ja wenigstens richtig vorgemacht bekommen. Und so schwer sind die sch-Laute gar nicht, das ist machbar. ;) Herr H. meint ich hätte ein sehr feines Ohr für die Unterschiede in der Aussprache. Deutsch und Schwedisch unterscheiden sich nicht nur z.B. bei S-Lauten (im Schwedischen gibt es nur das scharfe S) oder eben den erwähnten Sch-Lauten. Auch ein schwedisches T oder L klingt anders als ein deutsches. Ich weiß und höre das, hab aber keine Nerven mich bei meinem Sprechen darauf zu konzentrieren. Und das ist okay. Aber ich höre diese Feinheiten durchaus und finde sie sehr schön und faszinierend. 

Naja, jedenfalls geht es gar nicht um den Akzent oder dass Iskender einen wirren Lehrstil hat. Aber wenn er Wörter falsch übersetzt und erklärt und er es nicht mal rafft, wenn ich versuche mit ihm darüber zu reden (und mein Englisch hält mittlerweile jeder Diskussion stand) - dann wird die Deutsche in mir ganz irre. Jedes neue Wort muss ich parallel zum Unterricht nachschlagen, ich stehe ständig mit Herrn Linguist im SMS-Kontakt, weil ich meinem Lehrer eben nicht vertrauen kann. Von Rechtschreibfehlern mal ganz abgesehen. Das ist wahnsinnig anstrengend. Ja, ich bin ein Rechtschreibnazi, auf dem Gebiet bin ich  empfindlich. So what? Vielleicht ist die Devise in den Schwedischkursen "Besser ein bisschen als gar nicht", und ich reg mich nur mal wieder künstlich auf. Vielleicht hab ich einfach zu viel erwartet. 

Ja, ich kann mir vorstellen, dass diese Klassensituation ne rechte Herausforderung für einen Lehrer ist. Eigentlich sortieren sie die Schüler schon nach Wissensstand, aber so richtig scheint das auch nicht zu funktionieren. Mein schriftliches Niveau ist um Längen besser als mein mündliches und Iskender hat sich denke ich heut zum wiederholten Male gewundert warum ich mündlich kaum nen geraden Satz rausbringe. Andererseits saß an meinem Tisch heut ein türkisches Mädel, das, wenn ich das richtig verstanden habe, seit 3 Jahren hier lebt, verheiratet ist (ein in Schweden Geborenener mit türkischem Migrationshintergrund), aber in Sachen Schwedisch fast ebenso ahnungslos ist wie ich mit Russisch z.B. Ich finde das erschreckend. Wie kann man denn 3 Jahre in einem fremden Land leben ohne einen einzigen Satz schreiben oder sagen zu können!? (Ich hab einen ihrer Aufsätze durchgelesen, teilweise wusste ich noch nicht mal was sie eigentlich ausdrücken will.) 

 Ich komm ja aber bald in eine andere Klasse, mit einem Muttersprachler, wenn ich mich nicht irre. Schlimmer gehts nun nimmer. (Bitte, liebes Universum, du musst mich nicht noch mal eines Besseren belehren!) 

 Ryanne hat schon recht: wenn man gar nichts sagt, wirkt man auch nicht intelligenter. ^^ Das werd ich mir jetzt vorn auf meinen Hefter schreiben. *tschacka*

Kommentare:

  1. Also cih finde es gut und richtig, dass du die Versetzung in eine andere Klasse beantragt hast. Hoffentlich wird es danach besser!
    Akzent finde ich auch kein Ding, wenn mir aber jemand falsche Vokaeln und oder falsche Schreibweise beibringen wollen würde, da gingen bei mir auch ganz schnell die Luken zu und ich würde mir quer stellen. Das kann es nämlich nciht sein. Neu lernen ist einfacher als umlernen, also sollte man es von Beginn an korrekt lernen.
    Mir wäre persönlich auch egal ob ich "zu deutsch" an die Sache rangehe, ich will die Sprache lernen und zwar ordentlich, was soll daran verkehrt sein.

    Diese Sprachblockade in einer Fremdsprache kenne ich auch. Kam vor allem dadurch zustande, dass ich 6 Jahre fast nur deutsch gesprochen habe. Da half mir nur, mich regelmäßig zu überwinden. Ich selbst finde mein Sprechenglisch total grottig, obwohl ich eigentlich gutes Lese und Hörverstehen habe. Unser Muttersprachler auf Arbeit meint immer mein Englisch wäre gut. Hmpf.
    Lass den Kopf nicht hängen, das kriegst du auch noch hin.

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  2. PS: Ich bin seit 4:30 wach, ich dachte ich hätte auf Rechtschreibung und Grammatik geachtet. "Mir". Autsch. *Seufz*

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  3. urg, was für ne grausame zeit...
    nee, so sehr nazi bin ich dann auch nicht, der ein oder andere tippfehler geht in ordnung, hab ich doch auch. ;) und auch wenn man keine berauschende rechtschreibung hat, stört mich das nicht sonderlich. nur sollte man sich dann nicht hinstellen und anderen versuchen ne sprache zubeizubringen.

    als ich herrn h. kennenlernte, war mein englisch auch grausig. seit 4 jahren aus der schule raus, und obwohl ich damals gute noten in englisch hatte, war ich im freien sprechen auch damals schon mies. darauf haben unsere lehrer wohl nie wirklich wert gelegt. am anfang hat das mail beantworten ewig gedauert und wenn ich mir meine damaligen mails durchlese, könnte ich im boden versinken. ich hab jetzt kein superenglisch, aber es ist mehr als alltagstauglich und etwa 300% besser als vor 4 Jahren.

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  4. Sprachen sprechen ist glaube ich immer schwieriger als hören, verstehen und schreiben. Mir geht es vom Schulenglisch her ähnlich wie dir. Super Noten (damals auch in der mündlichen Prüfung), dann nicht mehr gesprochen und als ich musste, den dümmsten Grammatikfehler den es gibt, nämlich 3. Person Singular falsch angewendet, gemacht.
    Passiert. Mein Gegenüber hat mich aber dennoch verstanden. Ich bin zwar im Boden versunken, aber es blieben keine Fragezeichen zurück.

    Ich scheue mich auch davor Fremdsprachen zu sprechen aus Angst mich zu blamieren. Aber wenns nicht anders geht (zum Beispiel in einem fremden Land) dann Augen zu und durch. Alles wird besser.

    Wie unterhältst du dich eigentlich mit den Kindergärtnerinnen vom Mini-Schweden? Wenn die vllt mal etwas Zeit haben, kannst du die ja vielleicht fragen, ob du Schwedisch mit ihnen sprechen kannst, einfach um es zu tun. Oder Schweden die du sonst so am Tag triffst. Keiner wird dich auslachen oder so. Und es wird den selben Effekt geben, wie mit deinem Englisch.

    P.S. Ich lese deinen Blog auch schon eine ganze Weile(hab ihn auch von Anfang an nachgelesen) und ich muss sagen: ich find dich und die Sachen die du tust toll :-)

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  5. Bei den Unterschieden von "sch"s & Co. und dass man sie durchaus hört musste ich spontan daran denken, wie man uns in der Grundschule das englische TH beigebracht hat... Klar hab ich das gehört, aber bis ich es drauf hatte hat's mit Sicherheit eine Weile gedauert (andere können's immer noch nicht) und selbst heute gibt's noch Wortkombis, die sich so ungünstig aneinander reihen, dass ich mir fast die Zunge verknote oder mehr Pause machen muss als mir lieb wäre. (Dann bin ich allerdings immer etwas beruhigt, wenn das den Engländern auch passiert. ^^)
    Zwischen Verstehen und Anwenden liegt eben glaube ich meistens nochmal eine gewisse Zeitspanne und ich glaube auch, dass das vollkommen okay ist.
    Im Übrigen werden wir Deutsche glaube ich in der Schule auch schon viel mehr auf Schreiben und Lesen getrimmt als auf Sprechen, in einer Klasse mit 20-30 Schülern ist das vermutlich auch nicht großartig anders möglich, aber dafür können wir meistens "wenigstens" Schreiben und Lesen. Wenn ich mir dagegen angucke, was für Probleme selbst die muttersprachlichen Engländer hier teilweise mit Aufsätzen, wissenschaftlichem Englisch & Co. haben bin ich doch immer ganz froh, das soweit gut geübt zu haben. Bei uns ist Multiple Choice als Klassenarbeitstyp eben nicht so verbreitet wie hier offenbar, insofern haben die Engländer trotz Muttersprachenbonus glaube ich einfach weniger Übung darin. Da helfen ihnen dann offenbar auch der Wortschatz und die Grammatik nicht weiter. Im Übrigen liegt der Unschied zwischen mündlich und schriftlich glaube ich auch darin, dass man einfach nochmal einen Moment länger darüber nachdenken kann, was man wie sagen will und wie es korrekt ist. Das entfällt beim mündlichen oft und daher schleichen sich da auch eher noch Fehler ein obwohl man es richtig wüsste, nur der Mund sozusagen schneller ist. ;) (Ich hab letztens auch jemandem erzählt ich habe "France" in der Schule gehabt und mich die ganze Zeit gewundert was daran so komisch falsch klingt bis mir siedend heiß einfiel, dass es ja "French" ist. ^^ Sowas ist mir auch lange nicht mehr passiert... und wenn ich daran denke, jetzt, Jahre nach dem Schulunterricht, Französisch oder Spanisch sprechen/schreiben zu müssen ohne zwischendrin irgendwas getan zu haben... das würde ich auch nur noch sehr bruchstückhaft hinkriegen.)

    Vom Sprechen her hilft aber fürchte ich auch wirklich nur üben, üben, üben. In der Schule war ich aber glaube ich im Englischunterricht meist viel nervöser wenn ich was sagen wollte als hier, umgeben von Engländern, wahrscheinlich auch weil es benotet wurde (sowohl sprachlich als auch inhaltlich) und sich ggf. die Mitschüler lustig gemacht haben. Hier hab ich komischerweise von Anfang an die Klappe aufgerissen und munter drauf losgeplappert, wofür mich wiederum andere auch etwas bewundert haben. (Ein deutscher Bekannter, der schon länger in UK lebt und dort noch ein paar Jahre zur Schule gehen musste meinte er habe trotz sonst großer Klappe die ersten Jahre kaum geredet.) Dafür irritieren Rechtschreibfehler mich trotzdem noch manchmal, inbesondere wenn ich das Wort noch nicht kenne oder mir selbst unsicher bin und mich dann daran orientieren will, aber da bin ich vielleicht auch pingelig und wiederum "anfälliger" für als Muttersprachler. Sowas dann aber im spezifischen Sprachunterricht zu haben ist natürlich irgendwie der K.O.-Schlag.

    Viel Erfolg und liebe Grüße, knaxgurke

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