Sonntag, 2. Oktober 2011

Just life.


Ich bin irgendwie gerade an nem Punkt angelangt... So hab ich mir das alles nicht vorgestellt.
Morgen kommt mein Vater und er will möglichst alles packen, damit wir am Samstag sofort das Auto vollladen und losfahren können. Außerdem fährt mein Mann wieder auf Arbeit. Eine ganze Woche liegt vor mir, allein. Ich bin so müde.


Ich war nie dieser Mutti-Typ. Der Blick in fremde Kinderwagen hat mich nie wuschig gemacht, ich fange bei Babyfotos nicht an zu sabbern. Nichtsdestotrotz hatte ich immer gedacht später mal eine Familie haben zu wollen. Dass das nun "so früh" (mit meinen 27 Jahren bin ich für momentane Verhältnisse frühgebärend) schon klappt, auch noch mit dem richtigen Mann, das hätte ich so niemals gedacht. Nun könnte man meinen ich hätte alles, was ich immer wollte. Aber irgendwas versagt da in mir drin.
Es wurde hier in letzter Zeit so oft geschrieben, dass Ehrlichkeit wichtig und erstrebenswert ist. Ich stoße hier an meine Grenzen. Darüber ehrlich zu sprechen, fühlt sich grausam an. Kein Kind sollte das erleben müssen.

Am Anfang der Schwangerschaft hatte ich so meine Startschwierigkeiten. Ich habe gelesen, das sei normal. Irgendwann konnte ich das fremde Leben in mir dann akzeptieren, es hat mir keine Angst mehr gemacht. Ich wusste, dass ich nicht so bin wie andere Frauen. Ich habe mir keine einzige Umstandsklamotte gekauft, ich war nicht bei Schwangerschaftsgesprächsrunden und so weiter. Ich habe es nicht zelebriert. Ich hab die Zeit mit meinem Mann genossen. Und im Nachhinein muss ich feststellen, dass ich mich eher über seine Freude gefreut hab, als mich selbst zu freuen. Aber auch darüber hab ich mir keine weiteren Gedanken gemacht. Man sagt ja, durch die Geburt wird man von so nem Hormonflash weggespült, dass man diesen Muttigefühlen gar nicht entkommen kann.

Naja. Das ist bei mir leider nicht passiert. Und jetzt sitz ich hier und komm mir vor wie der letzte Freak. Ich ertrag es nicht mehr diese ganze Babyliteratur zu lesen. Irgendwas läuft bei mir verdammt falsch. Ich wollte nach der Geburt meinen Sohn noch nicht mal in den Arm nehmen. Ich hatte einfach nur so die Schnauze voll von allem. Mein Mann neben mir schluchzte, ich war völlig emotionslos und einfach nur froh, dass die ganze Quälerei endlich ein Ende hatte.
Die ersten 2 Tage im Krankenhaus waren so vollgepackt mit Untersuchungen und anderem Kram, dass man kaum zum Luftholen kam. Dann waren wir zu Hause und so etwas wie Ruhe stellte sich ein. Nach und nach wurde mir aber klar, dass irgendwas fehlte. Der Kleine ist süß, ich fütter ihn, ich wickel ihn. Aber dieses Gefühl, dieses... "mein Kind ist das Wichtigste auf der ganzen Welt und ich kann mir ein Leben ohne nicht mehr vorstellen" - das fehlt. Ich hab gedacht es würde sich noch entwickeln in den ersten Tagen. Aber es kommt einfach nicht. Ich bin immer noch nicht wirklich in der Gegenwart angekommen. Das da auf der Couch ist mein Sohn, mein Fleisch und Blut - ich raffs einfach nicht. Ich bin eifersüchtig auf seinen Papa, für ihn ist alles so selbstverständlich. Ich glaube er würde wirklich sterben, wenn er wieder ohne den Kleinen sein müsste.
Mir gehts wegen dieser ganzen Sache ziemlich mies und hier wurde auch schon die Hebamme gegen mich aufgehetzt. Aber sorry, ich falle nicht in die "Babyblues"-Kategorie. Mich packt nicht die Panik, dass ich eventuell keine gute Mutter abgebe. Mich macht es fertig, dass ich, obwohl vollgepumpt mit allerlei nützlichen Hormonen, meinen Sohn nicht in der Weise liebe, wie es anscheinend der Rest der Welt schafft und wie es verdammt noch mal sein sollte.

Morgen Abend bin ich hier wieder alleine und mir graut davor. Ich wache nachts schon auf bevor der Kleine selbst merkt, dass er Hunger hat. Aber bei allem anderen versagt mein Mutterinstinkt völlig. Herr H. meint, dass er mittlerweile schon vorher merkt, wann sich die nächste volle Windel ankündigt. Er weiß, wie er seinen Sohn halten muss, um ihn zu beruhigen. Ich sitze hier nur rum wie ein hilfloser Volltrottel. Die ersten Wochen sind ja dazu da, um mit seinem Baby vertraut zu werden und es rundum und intensiv kennenzulernen. Bei mir wird das anscheinend mehrere Jahre dauern. Dieses ständig gepredigte "Dein Kind liebt dich, weil du seine Mutter bist und lässt sich schon allein durch den Hautkontakt mit dir, deinen Geruch und den Klang deiner Stimme beruhigen" - ach kommt. Mein Sohn kuckt mich noch nicht mal beim Stillen an. Brust raus - das ist die einzige Art und Weise, auf die ich ihn eventuell beruhigen kann. Und wenn das nicht hilft, weiß ich schon nicht mehr weiter.
Wieso war es so viel leichter mich in meine Katze zu verlieben?

Ich hab schon von Haus aus eine Abneigung gegen Krabbelgruppen, Babyschwimmen und Co. Nun graut mir auch noch aus anderen Gründen davor. Ich würde dasitzen wie ein Idiot und jeder würde sehen: "Ah ja, das ist die, die ihr Kind nicht liebt."
In ner besonders dunklen Minute hab ich echt schon erwogen loszuziehen und meinem Mann ne Flasche und Ersatznahrung zu besorgen, nur um die beiden nicht mit meiner Emotionslosigkeit kaputt zu machen. Wie bescheuert ist das denn alles?? Die kleine Gurke riecht gut, zieht süße Schnuten, die Händchen rudern ungeschickt in der Luft herum. Und es ist ja nicht so, als würde mich das nicht berühren und mich nicht zum Lächeln bringen. Aber das reicht doch nicht.

Wie soll man bei so etwas ehrlich sein...

Kommentare:

  1. Falls es dich beruhigt: Meine Kolleginnen (eine auch ungewollt schwanger, die andere mit Wunschkind) haben mir beide erzählt, dass sie am Anfang Schwierigkeiten hatten, ihre Kinder zu lieben. Also, sie fanden sie süß und so, aber auch bei Ihnen hat diese "allübergreifende Mutterliebe" erst nach 1-2 Monaten eingesetzt. Du bist nicht unnormal! Es redet nur keiner drüber...

    Du kriegst das hin. Und wenn du am Anfang Startschwierigkeiten hast, ist das eben so. Du wusstest am Anfang nich alles über Katzen, jetzt kommst du mit Zusammenführungen klar. Du wusstest am Anfang nichts übers nähen und auch das hast du hinbekommen. Du schlägst dich bewundernswert! Und dein Freund mag vielleicht im Moment den besseren Draht zum Minischweden haben, aber du hast viel mehr Verantwortung. Du musst dein Leben umstellen, du bist jünger und hättest gerne noch mehr Vorbereitungszeit gehabt.

    Du schaffst das! Ehrlich, ich glaub an dich!

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  2. Das mit der sofort einsetzenden Mutterliebe ist doch glaube ich eines dieser Märchen, dass sich noch immer hält. Ist vielleicht bei manchen so, aber nicht bei allen. Am Anfang ist man einfach mal fertig und überfordert.
    Eine Freundin von mir hat Im Juli ein Kind bekommen. Sie meint auch, egal wie sehr man sich das Kind gewünscht hat, es ist einfach extrem anstrengend. Das ist auch ganz normal, ist ja eine Riesenumstellung.
    Also mach dir keine Sorgen und denk dir bloss nicht, deine Gefühle seien nicht normal. Völlig normal und völlig verständlich.
    Ich denke auch, das wird mit der Zeit. :)

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  3. Ich bewundere dich für deine Ehrlichkeit und lese seit zwei Tagen sehr interessiert deinen Blog, weil du mir aus der Seele sprichst. Ich bin gleichalt und kann mir nicht mal vorstellen, ein Kind zu bekommen, weil es mir auch zu früh erscheint und ich mich noch nicht dafür bereit fühle. Ich finde es großartig, wie du alles meisterst und glaube, es muss nicht immer diese pinke Seifenblase sein, die sich nur um das eigene Kind dreht, die eine gute Mutter ausmacht. Alleine dass du ein schlechtes Gewissen deswegen hast, zeigt doch, wie ernst es dir ist. Ich bin davon überzeugt, dass es nur alles ziemlich viel für dich war und du ein wenig Ruhe für dich brauchst, um mit der riesigen Umstellung in deinem Leben erstmal klarzukommen.
    Kopf hoch, du schaffst das sicher!

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  4. Hey,
    also solange du den Kleinen nicht aus dem Fenster werfen willst, versuch ruhig zu bleiben und dir auch zwischendurch immer Gutes zu tun (wenn du ihn aus dem Fenster werfen willst, such dir Hilfe. Ich glaube ich wäre so ein Wochenbettdepressionentyp, der erstmal mit gar nix mehr klar käme und das Gefühl hätte, sein Leben wäre zuende, aber sogar da gibts ja auch Hilfe)
    Ich denke man kann auch etwas Positives sehen; mir zumindest kommt immer das Blanke würgen bei allen, die so übermäßig überglücklich überzufrieden sind und ihr übersüßes Baby ja so übermäßig krassdoll lieben und sich so darauf stürzen und ihren ganzen Lebensinhalt auf dieses kleine Bündel konzentrieren und gar nicht mehr damit aufhören. Und ich frage mich immer: Ist das wirklich so? Hat man keine Probleme und Sorgen mehr, weil man ein Kind hat? Blühen nur noch überall Gänseblümchen, an jeder Ecke steht jmd und macht Seifenblasen nur für dich und jeden Tag gibts nen neuen Regenbogen?
    Und sehen wir es mal so, erzwingen kannst du es eh nicht, oder? Dem Kleinen gehts gut bei dir, du hast die Verantwortung übernommen und vernachlässigst ihn nicht und bemühst dich, damit es ihm gut geht.
    Dein Leben macht grad FlickFlack durch den Kräutergarten, Kind is neu, Umzug kommt, dein Mann ist wieder ne Woche weg, Du-musst-glücklich-sein-Druck von außen...Stress.

    Du musst da grad sowieso schon ne Menge stemmen, sei nicht so streng mit dir! Ich kenen Leute die kriegen weder eine Schwangerschaft hin, noch einen Umzug mit 2 Fellbeuteln organisiert, noch kriegen die ein Glas Gurken ohine ihren Mann auf.

    Durchatmen! :)

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  5. du warst noch nie 'mainstream'...und das ist gut so!!!

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  6. Wenn es Dich beruhigt: Ich habe noch keine Mutter erlebt, die Ihr Kind von Anfang an so via Natur hieß und innig geliebt hat. Vielmehr hatten einige darunter den dringenden Wunsch, Ihr Kind aus dem nächstbesten Fenster zu werfen - oder sich selbst! Rein zivile Konditionierung hält sie davon zurück. Ich würde übrigens einen Sch... geben auf all diese euphorisierende Babyliteratur... die verstärkt das Gefühl des Versagens nur noch. Beste Grüße...

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  7. Hey du :)
    Das hört sich ja schlimm an.. Also, nicht die Sache, dass du deinen Sohn nicht lieben würdest und bla, sondern dass es dir so mies geht.
    Ich habe zwar selbst noch keine Erfahrungen in dem Metier, aber eine junge Mutter, die ich vor ein paar Jahren in der Uni kennengelernt habe, erzählte mir, einige ihrer "Mit-Mütter" in den ganzen Schwangerschaftsgruppen hätten am Anfang auch totale Schwierigkeiten gehabt, sich an das Kind zu gewöhnen.
    Verdammt, du hast dich neun Monate rumgequält, wenn ich nur an Geburten und Dammrisse denke zieht es mir alles zusammen, du musst mit deiner Milchbar rund um die Uhr auf Abruf bereit stehen, da ist es doch klar, dass man es irgendwann nicht mehr aushält.
    Ich würde ja mal behaupten, dass sich das noch gibt und bestimmt auch kein ganzes Jahr dauert.
    Und die Meinung der anderen und vor allem der Leute auf der Straße kann dir ja mal sowas von schnurz sein, oder?

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  8. Mutter zu sein, bedeutet doch nicht sein komplettes Selbst auf zu geben und nur für das Kind zu leben.

    Du machst dir was vor, wenn du glaubst, du liebst dein Kind nicht. Das tust du, das merkt man. Sehr.

    Der Mythos von der vor Liebe nur so strotzenden Übermutter existiert nur, weil es ein Diktat gibt, dass Frauen diese Rolle auferlegt.

    Mutter sein ist ein Job und manchmal kann man seinen Job, so schön er auch sein mag, einfach nicht mehr leiden und möchte Urlaub oder die Kündigung. Aber dann kommt wieder ein Arbeitstag, wo man sich sagt "alles nicht so schlimm".

    Kopf hoch! :)

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