Mittwoch, 22. Dezember 2010

2. + 3.10. // Der Kreis schließt sich


Der letzte Tag.
Ich stand ohne Wehmut auf. Die Nacht war verdammt gemütlich gewesen und ich freute mich schon irgendwie wieder auf mein eigenes Bett. Das Wetter draußen: grau in grau. Egal, nicht wichtig. :)

Ich packte in aller Ruhe zum letzten Mal meine Taschen, machte Frühstück, gammelte noch ein bisschen rum (4 eigene Wände und Heizung können ziemlich verlockend sein) und schwang mich schlussendlich aufs Rad. Die letzten Kilometer.


Erst einmal wollte ich nach Ystad fahren, vielleicht einen Kaffee trinken, aber auf alle Fälle noch Postkarten schreiben. Das war sowieso ne ganze komische Sache.
Ich hatte mir wirklich vorgenommen Karten an ne ganze Reihe Leute zu verschicken. Dummerweise gab es nirgends welche, wo ich hingefahren bin. Große Orte habe ich immer gemieden, ich hab ja eher die Natur gesucht. Und die Orte, die touristisch interessant waren, Ales Stenar zum Beispiel, haben sicher im Sommer auch solchen Touri-Kram im Angebot, aber in dieser Jahreszeit? Hatte also große Probleme überhaupt Karten aufzutreiben.
Ein weiterer Grund, warum ich selten durch größere Orte gefahren bin bzw. warum ich es vermieden habe dort einzukaufen: ich konnte mein Gepäck ja nun nicht komplett mit in den Supermarkt reinnehmen. Wenn man zu zweit unterwegs ist, kann ja immer einer draußen bleiben und auf die Räder aufpassen. Ich musste mir was anderes überlegen. Zuerst einmal lebe ich in dem (eventuellen Irr-) Glauben, dass in kleinen Orten weniger geklaut wird. Dass da die Hemmschwelle größer ist, weil man ja jeden kennt. Idiotisch, mag sein. Vor allem, weil mein Rad ja geradezu "Tourist!!" schreit. Trotzdem, irgendwas muss man sich ja einreden, um sich zu beruhigen. Die Lenkertasche mit den wichtigen Dingen (Handy, Fahrkarten etc.) und die Kamera hab ich natürlich immer mitgenommen. Die beiden Taschen hab ich am Rad angeschlossen. Wer klaut schon ein sackschweres Rad? Das Rad selbst wurde natürlich auch noch mal angeschlossen und über Schlafsack und Zelt hab ich mir verboten nachzudenken. Sonst wär ich in meinem Urlaub verhungert. Hat aber alles super geklappt. In Trelleborg war ich am Ende noch mal einkaufen, da war mir dann schon ziemlich mulmig und ich hab mich ziemlich beeilt. Obwohl das im deutschen Vergleich ja nun auch keine große Stadt ist, aber für schwedische Verhältnisse schon.

Ich schweife ab.
Mein Hintern war hoffnungslos wund, der wollte nicht zurück aufs Rad. Gegen halb 12 saß ich in einem hübschen Café in Ystad, mit Blick auf die St.-Marien-Kirche. Ich hatte tatsächlich noch einige Postkarten aufgetrieben und schrieb nun, während ich göttlichen Kaffee und eine Zimtschnecke genoss. Ich beschloss der Kirche hinterher noch einen kurzen Besuch abzustatten. Ein bisschen Kultur auf den letzten Drücker konnte ja nicht schaden. Ystad ist wirklich ne niedliche kleine Stadt. Durch das Wetter wurde es aber nicht einladender. Und ich bin eh nicht so der Typ für Sightseeing. Ich find Kirchen an und für sich ja toll, die Ruhe, die Akustik und alles (obwohl ich nicht religiös bin oder so), aber da endlos durchzulaufen und mir Schnitzereien von was-weiß-ich-wann anzukucken - nee, lieber nicht. Ich möchte einen Ort, ein Land, eine andere Kultur erleben und mir nicht dort Gebäude ankucken. Ich möchte durch Straßen gehen und einen Eindruck bekommen, aber wie gesagt, das Wetter war an diesem Tag nicht dafür gemacht.

So bin ich dann trotzdem noch mal kurz in die Kirche rübergehopst - und hatte ungeheures Glück. 15 Minuten später sollte dort ein mittelalterliches Vokalkonzert beginnen. Ich mag sowas ja, also beschloss ich, dass ich noch genug Zeit hatte und blieb.
Außer mir waren eher ältere Leute da. Das Konzert war unglaublich. Chim con brio, 8 Sänger in mittelalterlichen Gewändern, die die Kirche zum Vibrieren brachten. Die Akustik war einzigartig. Die Stimmen füllten den ganzen Raum, schienen überall zu sein. Ich saß mit geschlossenen Augen da und bekam Gänsehaut. Es war so wunderschön, ich hatte wirklich Tränen in den Augen. Was für ein Abschluss dieser zwei Wochen. Sowas ist nicht planbar, dafür muss man sich auf eine Reise einlassen.
(Hörprobe gefällig?)


Ich suchte den Weg heraus aus der Stadt und folgte der Straße der Küste entlang. Das war am Ende noch mal ein sehr entspanntes Stück Weg. Immer das Meer linkerhand, herrlich. Befreiend. Auf diesen letzten Kilometern hab ich noch mal unglaublich viele Bilder gemacht.






Immer mal wieder Abstecher nach links an den Strand. Im Wind stehen, die Luft atmen. Ich war in Smygehuk, dem südlichsten Punkt Schwedens und wurde ordentlich nass, ich als doofer Touri hatte die Wellen unterschätzt. ;) Aber dem Meer kann ich nicht böse sein.


Ich war viel zu früh zurück in Trelleborg. Hatte noch endlose Wartestunden vor mir. Bin erstmal einkaufen gegangen, soviel ich tragen konnte. Wollte ein Stückchen Schweden mit heim nehmen. U. a. ne 1kg-Köttbullar-Packung. ^^ Von nüscht kommt schließlich nüscht. Dann hab ich mir ne Pizza geholt und beschlossen den Rest der Zeit zu lesen, obwohl die Temperaturen eisig waren und der Wind extrem. Mir hats den Belag von der Pizza geweht. Yeah, Schinkenstreifen im Haar. :D (Da ahnte ich schon wie die Fahrt verlaufen würde...) Mir fiel dann aber Gott sei Dank ein, dass die Fährlinie eine Art Wartehalle hat. Dort hab ich die letzten Stunden verbracht und nen Kerl aus Rostock kennen gelernt, der bei diesen Überfahrten etwas mehr Routine hat als ich.

Dann wieder aufs Schiff. Schweden wurde kleiner und kleiner. Mir hats fast das Herz zerrissen. Aber - ich schrieb die ganze Zeit mit dem besten, das ich aus diesem Land mitgenommen hatte. Ich wollte nicht weg, es tat weh zu gehen und zu wissen, dass man am Ende wieder in Deutschland landet. Aber ich wusste schon in diesem Moment: ich würde wieder zurück kommen. Und es würde nicht lange dauern.
Der Seegang war mörderisch, es war (mir) unmöglich meinen Kaffee kleckerfrei zum Tisch zu bekommen. Ich spürte zum ersten Mal, warum Menschen seekrank werden. Aber zum Einschlafen war das Schaukeln schön. Diesmal war anscheinend mehrere Schulklassen an Bord, das Geschrei kam gegen meine Müdigkeit aber irgendwann nicht mehr an.

Um 6 legten wir in Rostock an. Noch ein kurzes Tschüß, dann fuhr ich die Rampe runter - und mein Urlaub war endgültig vorbei. Auf die erste S-Bahn musste ich anderthalb Stunden warten. Man merkte sofort, dass man wieder in Deutschland war: Der Lokführer reagierte auf mein fröhliches "Guten Morgen!" nur mit einem irritierten Blick. *seufz* Nun denn.
Rostock Hauptbahnhof hatte einen bereits geöffneten Buchladen und ich gönnte mir den aktuellen Roman meines schwedischen Lieblingsschriftstellers. Ich verbrachte so ziemlich den ganzen Rest des Tages in diversen Zügen. In Gera holte ich noch schnell meine Katze ab. Sie war extrem perplex mich wiederzusehen, das konnte sie überhaupt nicht einordnen. Anscheinend hatte sie sich wirklich schon damit abgefunden, dass ich tot bin. Abends halb 11 kamen wir beide aber endlich zu Hause an.

Was bleibt nun?

Würde ich diese Tour wieder machen?
Eine ganz einfache Antwort: ja. Diese Tour war eine der besten Sachen, die ich je gemacht habe. in zwei Wochen das komplette Gefühlspektrum einmal rauf und wieder runter. Vor allem in det zweiten Woche hab ich die Strecke richtig genossen. Wenn man sich auf so etwas einlässt, kann man die tollsten Sachen erleben. Man muss sicherlich ein bisschen was ertragen können, es ist nicht umsonst Trekking und keine geführte Busreise. Nicht immer läuft alles reibungslos und schmerzfrei, man muss improvisieren können. Und wissen, dass man sich auf sich selbst verlassen kann, auch wenn das jetzt erst mal blöd klingt. Ich würde jedenfalls nicht anfangen mit GPS durch die Gegend zu fahren. Zum Trekking gehören für mich die guten alten Karten. Und wenn man einmal gelernt hat damit umzugehen, ist das auch kein Problem mehr. In Schweden geht man nicht verloren.
Und obwohl ich über 1100 km gefahren bin: ich habe nur ein winziges Stück von diesem Land gesehen. Nur ein kleiner Einblick. Wenn man sich das hier mal auf der Karte ankuckt, ist es echt erschreckend.
Ich würd jederzeit wieder allein losfahren, obwohl es sicher zu zweit auch Spaß machen kann. Dafür muss man aber die richtige Person finden, sonst wird der Trip nur nervig. Also, mal sehn was ich nächsten Herbst so mache. Vielleicht ist es dann aber ja gar nicht mehr nötig Urlaub in Schweden zu machen. ;)

insgesamt: 1115 km

Kommentare:

  1. Respekt. Einfach nur: Respekt. Und vielen Dank fürs Teilhaben lassen!

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